Der Spiegel in dem sie sich betrachtete stand direkt gegenüber von dem Bett auf dem sie saß.
Sie hatte es heute Morgen wieder einmal nicht gemacht.
Aber das war jetzt egal. Heute waren ihre Gedanken woanders, denn heute würde sie es endlich tun.
Sie stand auf, machte einen Schritt auf den Spiegel zu. Sie schaute sich noch einmal genau an.
Von oben bis unten. Ihre weibliche Figur war umhüllt von einem riesigen schwarzen Pullover mit Kapuze. Die schwarze Hose kam knapp über den Knien wieder zum Vorschein und steckte ab kurz über den Knöcheln schon wieder in dicken schwarzen Winterboots. Genau so hatte sie in ihrer Vorstellung an diesem Tag immer ausgesehen. So oft ist sie diesen Tag in Gedanken durchgegangen und heute würde es endlich soweit sein. Bei dem Gedanken daran huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie streifte sich die Kapuze ihres viel zu großen Pullovers über ihr blondes Haar und atmete noch einmal tief durch. Dann ging sie mit schnellen Schritten auf ihre Zimmertür zu. Schon fast aus der Tür hielt sie kurz inne. Fast hätte sie das wichtigste vergessen. Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief zurück zu ihrem Bett. Dort lag es und funkelte sie an. Sie Griff mit ihrer rechten Hand danach und hielt es auf Augenhöhe. Das Licht spiegelte sich darin und warf einen Strahl auf ihr Gesicht. Noch einmal musste sie lächeln. Sie steckte es sich in den Hosenbund und warf ihren großen Pullover darüber. Dann verließ sie, ohne noch einmal kehrt zu machen, das Haus.
Sie lief durch die beißende Kälte, ihr Gesicht fror. Ihre Hände versteckte sie unter den langen Ärmeln ihres Pullovers. Jeder ihrer Schritte knirschte im Schnee. Sie hätte sich eine Jacke anziehen sollen, das wusste sie. Aber das konnte sie nicht. So hatte sie es sich nicht vorgestellt.
Sie war angekommen. Ihr Rücken lehnte gegen die große Eiche. Sie ließ sich zu Boden sinken. Das Messer in ihrer Hose schnitt ihr in den Oberschenkel. Es war auf dem Weg zu diesem Ort für sie nicht mehr spürbar gewesen. Als wäre es mit ihrer Haut verschmolzen. Sie hatte es ganz vergessen. Bis jetzt, wo es ihr in den Oberschenkel schnitt. Sie zog es vorsichtig unter dem Hosenbund hervor. An seiner Klinge befand sich Blut. Nur ein bisschen. Nicht so viel, dass es tropfen und den Schnee unter ihr rot färben könnte. Doch das war es, was sie sich wünschte.
Noch konnte sie zurück nach Hause gehen. Sie könnte weiterleben wie bisher. Sie holte tief Luft und wartete, bis sie all diese Luft auf einmal wieder aus ihren Lungen stieß. Nein. Sie wollte das.
Sie wollte, den Schnee mit Blut tränken.
Ein rascheln hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken. Da ist sie. Die gleiche Zeit wie immer. Sogar im kältesten Winter setzte sie sich noch an ihren Platz. Der Platz an dem sie damals immer gemeinsam saßen. Der Gedanke daran lief ihr wie ein Schauer über den Rücken. Ihr Anblick versetzte ihr am ganzen Körper Gänsehaut. Aber nicht etwa aus Angst. Nein aus Vorfreude. Sie wusste, dass es richtig war herzukommen. Endlich würde sie das zu Ende bringen, was sie sich sonst nur in ihrer Fantasie getraut hatte.
Noch einmal atmete sie tief ein und wieder aus. Sie stand auf. Mit zielführendem, aber leisem Schritt ging sie auf das Mädchen zu. Hätte sie sie sehen können, wäre sie wahrscheinlich aufgestanden, weggelaufen. Aber das tat sie nicht. Das Messer lag längst mit festen Griff in ihrer Hand. Der erste Stich traf heftig, aber nicht tödlich. Das Mädchen kippte nach vorn auf die Knie. Schnappte nach Luft, erstarrte vor Angst. Als sie wieder zu sich kam versuchte sie auf allen Vieren die Flucht zu ergreifen. Aber sie stieß ihr das Messer in die linke Wade, bevor sie sich weit entfernen konnte. Das Mädchen stieß einen Schmerz erfüllten Schrei aus. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie wollte ihr Gesicht dabei sehen. Sie wollte die Angst in ihren Augen sehen, wenn sie endlich verstand, was mit ihr passieren würde und sie nach Hilfe schreien würde. Also stieß sie das Mädchen mit einem harten tritt um, sodass sie erst auf der Seite lag und sich dann auf den Rücken fallen ließ. Ihre Blicke trafen sich. Der Schmerzverzerrte Blick des Mädchens ließ das Adrenalin in ihrem Körper hochschnellen. Für einen kurzen Moment stand sie einfach so vor ihr und schaute auf sie herab. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Das Mädchen schien nun zu verstehen, was mit ihr passieren würde. Sie lächelte. Es fühlte sich so gut an, das Mädchen so zu sehen. Das Mädchen holte Luft, sie wollte schreien. Beim ersten Laut aus ihrem Mund bohrte sie ihr das Messer tief in die Brust. Sie schnitt ihr den Oberkörper bis zum Bauchnabel auf. Die Rippen stellten einen schwereren Widerstand dar, als sie es sich in ihrer Vorstellung ausgemalt hatte. Aber das machte die Sache für das Mädchen nur noch schmerzvoller und der Gedanke daran gefiel ihr. Bis jetzt hatte sie den Blick in keiner Sekunde von dem des Mädchens abgewendet. Dieser Schmerz, gemischt mit Angst und Überraschung in dem Blick des Mädchens ließ Glückshormone in ihr hochsteigen.
Und jetzt. Endlich. Der Schnee saugte sich voll mit Blut. Sie hatte vorhin schon ein bisschen Blut im Schnee vergossen, als sie auf allen Vieren versucht hatte zu fliehen. Aber jetzt, jetzt war es eine viel größere Menge Blut. Warmes Blut, das den Schnee langsam schmelzen ließ, aber dann langsam runter kühlte und mit dem Schnee gefror. Es verschmolz zu blut rotem Schnee. Die Vorstellung daran, dass das bald auch mit dem Mädchen und der Erde in der sie begraben sein wird passieren würde, ließ sie lächeln.
Das Stöhnen des Mädchens holte sie wieder zurück ins Hier und Jetzt. Die Augenlider des Mädchens flimmerten, die Augäpfel darunter bewegten sich ziellos umher. Nein. Sie konnte noch nicht sterben. Nicht jetzt schon. Sie war noch nicht fertig mit dem Mädchen. Eine Ohrfeige holte das Mädchen kurz zurück, aber sie wusste, dass sie den Tod nicht mehr lange aufhalten konnte. Also festigte sie ihren Griff noch ein letztes mal und setzte am Hals des Mädchens zu einem Tiefen Schnitt an. Noch mehr Blut verließ nun den Körper des Mädchens und wie sie da so lag konnte man sehen, wie sie immer blasser und der Kontrast zu ihrer Haut und dem roten Schnee, der sie umgab, immer stärker wurde.
Während der letzte Rest leben aus dem Körper des Mädchens verschwand, ließ sie sich neben ihr im Schnee nieder. Erleichterung durchfuhr ihren Körper. Das war alles was sie wollte.
Es hatte nicht so lange gedauert, wie sie gehofft hatte. Aber es fühlte sich in Wirklichkeit noch besser an, als es das in der Vorstellung immer getan hatte. Nun konnte sie gehen. Sie war frei.
Sie gab sich noch einen kurzen Moment um Abschied von dem Mädchen zu nehmen. Das Messer ließ sie neben dem leblosen Körper liegen. Sie brauchte es nun nicht mehr. Es war wie ein Symbol für den metaphorischen Stein, der ihr nach dieser Tat vom Herzen gefallen ist.
Sie richtete sich langsam auf.
Schritt für Schritt ging sie. Sie wusste genau wohin sie ihre Füße nun tragen würden.
Ein letzter Blick von oben hinab. Sie spiegelte sich in der Oberfläche. Sie erkannte ihr Gesicht aus der Entfernung nicht, ihr Umriss war nur ein vager Schatten, kaum zu erkennen, aber sie wusste, dass sie lächelte. Wie so oft an diesem Tag. Und mit diesem Lächeln im Gesicht sprang sie erleichtert in die Tiefe.
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